Genetische Ursachen für psychische Erkrankungen entdeckt

Schizophrenie und bipolare Störung zählen in Europa zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. e:Med Forschern verschiedener Institutionen  ist es gemeinsam mit internationalen Kollegen gelungen, neue genetische Bereiche zu identifizieren, die mit diesen Störungen im Zusammenhang stehen. Die Wissenschaftler versprechen sich von diesen Ergebnissen Ansatzpunkte zur Aufklärung der Ursachen sowie zur Entwicklung neuer Therapien.


Menschen mit einer bipolaren Störung, früher als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet, leiden an episodischen Wechseln des Antriebs und der Stimmung, schwankend zwischen depressiven Episoden mit stark gedrückter Stimmung, teilweise mit Suizidgedanken und manischen Phasen mit gesteigertem Antrieb und euphorischer oder gereizter Stimmung. Symptome der Schizophrenie sind unter anderem Sinnestäuschungen, häufig verbunden mit Verfolgungswahn oder dem Hören von Stimmen  sowie Denkstörungen. An beiden Störungen erkrankt jeweils etwa ein Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens. Es ist davon auszugehen, dass bei der Entstehung der Erkrankungen sowohl Umwelt- als auch genetische Faktoren und deren Wechselwirkung eine Rolle spielen.


Die Analyse von etwa 2,3 Millionen verschiedenen genetischen Markern in einer sogenannten Genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) zeigte fünf Risikoregionen auf, die mit einer bipolaren Störung in Verbindung stehen. Drei davon, „ANK3“, „ODZ4“ und „TRANK1“ waren bereits zuvor beschrieben worden. Neu entdeckt wurden die Gen-Regionen zwischen „MIR2113“ und „POU3F2“ auf Chromosom sechs sowie „ADCY2“ auf Chromosom fünf. Letztere codiert für ein Enzym, das eine Schlüsselrolle bei bestimmten Signalwegen im Gehirn spielt und somit neue Einblicke in die biologischen Mechanismen der Entwicklung einer bipolaren Störung aufzeigt.
In der Studie einer internationalen Forscherkollaboration unter der Leitung der e:Med Wissenschaftler Prof. Dr. Marcella Rietschel  (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim), Prof. Dr. Markus Nöthen (Universitätsklinikum Bonn) sowie Prof. Dr. Sven Cichon (Universitätsspital Basel) wurden die genetischen Daten von 9.747 Patienten mit bipolarer Störung mit den Daten von 14.278 gesunden Menschen verglichen.

108 Regionen, die mit Schizophrenie in Verbindung stehen, von denen 83 bisher nicht bekannt waren wurden in einer noch größeren GWA-Studie eines 300-köpfigen internationalen Autorenteams entdeckt. Bei dieser Studie wurden genetische Unterschiede zwischen 36.989 Patienten, die an Schizophrenie leiden und 113.075 Kontrollpersonen untersucht. Dabei wurden durch die Schizophrenie-Arbeitsgruppe des Psychiatric Genomics Consortium (PGC), an dem auch zahlreiche e:Med Wissenschaftler beteiligt sind, alle verfügbaren genetischen Daten aus publizierten und noch unveröffentlichten Studien zusammengeführt und ausgewertet.
Durch die Analyse der identifizierten Genregionen konnten  sowohl bestehende Hypothesen der Pathophysiologie der Schizophrenie bestätigt als auch neue Einsichten gewonnen werden.
So weisen die Ergebnisse darauf hin, dass Signalübertragungswege, die die Informationsübermittlung zwischen Gehirnzellen über die Botenstoffe Glutamat und Dopamin gewährleisten bei Schizophrenie betroffen sind. Außerdem gibt es nun auch deutliche Hinweise darauf, dass das Immunsystem, insbesondere die über B-Lymphozyten vermittelten Mechanismen erworbener Immunität, tatsächlich eine Rolle bei der Entstehung von Schizophrenie spielt.

Beide Studien sind die bisher größten auf ihrem jeweiligen Gebiet und wurden in renommierten Fachjournalen veröffentlicht. Die Ergebnisse werden sicherlich einen großen Beitrag dazu leisten, die Ursachen von bipolarer Störung und Schizophrenie weiter aufzuklären um schließlich Therapieansätze zu finden beziehungsweise zu optimieren.


Publikationen:

(1)    Mühleisen, Leber, Schulze et al., Genome-wide association study reveals two new risk loci for bipolar disorder, Nature Communications, DOI: 10.1038/ncomms4339
(2)    Schizophrenia Working Group of the Psychiatric Genomics Consortium, Biological insights from 108 schizophrenia-associated genetic loci, Nature, DOI: 10.1038/nature13595

Kontakt:

Prof. Dr. Markus M. Nöthen (Publikation (1) und (2))
Institut für Humangenetik
Universitätsklinikum Bonn
Tel. 0228/28751101
E-Mail: markus.noethen@ukb.uni-bonn.de

Prof. Dr. Marcella Rietschel (Publikation (1) und (2))
Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) Mannheim
Tel. 0621 1703 6051
E-Mail: marcella.rietschel@zi-mannheim.de