Neuer Ansatz zur Verhinderung von Herzinfarkten identifiziert

e:Med Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben eine internationale Studie zur Suche nach seltenen Genveränderungen, die das Herzinfarktrisiko beeinflussen, maßgeblich geleitet. Insgesamt viermal wurden sie fündig. Zwei der Gene sind bereits Ziel von Medikamenten, die das Herzinfarktrisiko reduzieren sollen (PCSK9 und LPA). Jetzt ist mit ANGPTL4 ein weiterer, sehr vielversprechender Kandidat für die Prävention hinzugekommen.

In dieser weltweit größten Studie an fast 200.000 Personen haben 129 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus 15 Ländern in 13.000 Genen nach seltenen Mutationen gesucht, die das Herzinfarktrisiko beeinflussen. Die Studie wurde von der Professorin Jeanette Erdmann, Universität zu Lübeck, sowie Professor Heribert Schunkert, Deutsches Herzzentrum München, unter anderem im Rahmen des e:Med Konsortiums e:AtheroSysMed maßgeblich geleitet. Die Studie zeigt beeindruckend, dass durch die Analyse genetischer Daten neue Zielmoleküle für die Pharmaindustrie identifiziert werden können.

Im Zentrum der jetzt im renommierten New England Journal of Medicine vorgestellten Studie steht das Enzym Lipoproteinlipase (LPL), das den Abbau von Triglyzeriden im Blut bewirkt. Triglyzeride werden zunehmend als Risikofaktor für einen Herzinfarkt erkannt. Nun konnten zwei Genvarianten gefunden werden, die die Aktivität der LPL entweder steigern oder senken, entsprechend wurde das Herzinfarktrisiko gesenkt oder erhöht. Die LPL wird zudem durch weitere Gene, aber auch durch die Ernährung und den Lebensstil reguliert. Die nun vorliegenden Daten zeigen, dass das Herzinfarktrisiko durch Varianten in die LPL aktivierenden Genen gesenkt werden kann.

„Wir haben inaktivierende Varianten eines Gens gefunden, die vor einem Herzinfarkt schützen. Das Gen für Angiopoietin-like 4 (ANGPTL4) bremst unter normalen Bedingungen die LPL. Die inaktivierenden Genvarianten im ANGPTL4 verhindern dies und führen zu einem geringeren Gehalt an Triglyzeriden im Blut - und das verringert das Herzinfarktrisiko“, erläutert Professor Heribert Schunkert, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums München.

 „Diese schützenden Varianten im ANGPTL4 Gen zeigen uns ein mögliches Angriffsziel für neue Arzneimittel, obgleich sie selten sind“ erklärt Professorin Jeanette Erdmann, Direktorin des Institutes für Integrative und Experimentelle Genomik an der Universität zu Lübeck.

„Jetzt gilt es Medikamente zu entwickeln, die die Effekte der Mutationen nachahmen“ blickt Professor Heribert Schunkert in die Zukunft. In der Tat wird in der gleichen Ausgabe des New England Journal of Medicine eine Studie zu dieser Fragestellung vorgestellt: Bei Affen, die einen neutralisierenden Antikörper gegen ANGPTL4 bekamen, sanken die Blutfette drastisch ab.

Original-Publikation
Coding Variation in ANGPTL4, LPL, and SVEP1 and Risk of Coronary Disease. The Myocardial Infarction Genetics and CARDIoGRAM Exome Consortia Investigators. New England Journal of Medicine, online-Veröffentlichung: 02. März 2016

Fachliche Ansprechpartner
Prof. Dr. Heribert Schunkert
Deutsches Herzzentrum München
Lazarettstraße 36
80636 München
Telefon: +49 (0) 89 1218-0
E-Mail: schunkert@dhm.mhn.de
 
Prof. Dr. Jeanette Erdmann
Institut für Integrative und Experimentelle Genomik Universität zu Lübeck Maria-Goeppert-Str. 1, MFC1, 4. OG, 23562 Lübeck
Tel.: +49 (0)451 500 5885
E-Mail: jeanette.erdmann@iieg.uni-luebeck.de

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